06 Apr

Solidarität ist zerbrechlich – Gedanken zum „Netzwerk“-Fall vom ABC Dresden

Wie sind wir hier gelandet?

Der Skandal mit Sagynbaev hat für viele Menschen die Frage aufgeworfen, welche Informationen Solidaritätsgruppen für sich behalten dürfen. Immerhin gefährdete ihre Entscheidung Menschen, die da sind, um sich zu solidarisieren.

Bestimmte Informationen sollten der Öffentlichkeit nicht zugänglich sein, da sie der Strafverfolgung helfen und andere Menschen kompromittieren können. Aber der ganze Dreck, der im Nachhinein hochkam, war in diesem Fall der Polizei schon lange vorher bekannt. Das Argument, dass diese Informationen die Urteile beeinflussen würden, ist hier kritisch zu sehen. Stattdessen hätte Rupression über die problematischen Momente schreiben müssen und ihre Entscheidung, die Menschen weiterhin zu unterstützen, transparent machen sollen. Das hätte eine Diskussion ermöglichen können, statt den Schock, der durch die Veröffentlichung der liberalen Medien eintrat. Letztendlich wurde es als Verrat empfunden, dass solche wichtigen Informationen von Dritten und nicht von den Gefährt*innen, denen wir vertrauen, kamen.

Solidaritätsaufrufe basieren stark auf Vertrauen. Ich vertraue der Gruppe A, B oder C in ihrer Entscheidung, eine Person in einem bestimmten Fall zu unterstützen. Ich vertraue darauf, dass die Gruppe mich nicht in eine Situation bringt, in der ich wegen eines schrecklichen Verhaltens der Person, die ich unterstütze, in Gefahr gerate. Die Versuche einer Solidaritätsgruppe, die Informationen zurückzuhalten, wirken sich auch auf andere Solidaritätskollektive aus. Nächstes Mal werden Solidaritätsaufrufe aus Russland mit größerer Skepsis betrachtet werden als bisher. Das bedingungslose Vertrauen zwischen den Gefährt*innen ist wegen diesen Entscheidungen, die in diesem Solidaritätskollektiv getroffen wurden, stark beschädigt.

Wir glauben, nur wenn Rupression ihre Entscheidung transparent gemacht hätte, warum sie die Menschen unterstützen, obwohl sie Informationen über die Drogen, das Verpfeifen, den Sexualtäter und den Mord hatten, nur dann hätten Unterstützer*innen die Chance gehabt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Für uns als Kollektiv wäre es bei unserer Entscheidung zur Unterstützung ausserdem wichtig gewesen, zu wissen, was die Verhafteten selbst über die Sache dachten und ob sie über ihre Taten nachgedacht haben.

Du triffst eine bestimmte Entscheidung auf der Grundlage von Informationen, die Du hast, aber diese Entscheidung beeinflusst auch andere Menschen. Achte darauf, dass du deine Entscheidung transparent machst und nicht versuchst, alles unter der Decke zu halten, bis die nächste neugierige Person die Geschichte hinterfragt.

Für einige Menschen, welche die Wut und Frustration jetzt ansprechen, ist klar, dass wir von Aktivist*innen nicht erwarten sollte, dass sie perfekt sind. Wir alle haben Widersprüche. Die Kampagne selbst versuchte jedoch, Aktivist*innen als perfekte Menschen darzustellen. Sonst würde es keinen Sinn machen, den unangenehmen Teil ihrer Lebensgeschichten zu verbergen. Außerdem wollten sie das Image der anderen Angeklagten schützen, da sie Angst hatten, dass ihnen die weitere Unterstützung entsagt wird.

Einige von euch denken vielleicht, dass diese Geschichte nur in Russland mit seiner „wilden“ Antifa-Bewegung und den harten Anarchist*innen, die gegen Putins eiserne Hand kämpfen, passieren kann. Das stimmt nicht. Die Probleme in Russland sind nicht anders als in vielen anderen Teilen der anarchistischen Bewegung. Und es zeigt auch, wie verkorkst die Gesellschaft tatsächlich ist, wenn sich Menschen so verhalten. Sexuelle Gewalt ist in der Bewegung präsent, egal wohin wir schauen. Der Mangel an einem koordinierten Vorgehen macht es unglaublich schwer, den Überlebenden bei der Heilung und den Tätern bei der Bewältigung ihrer sexistischen Probleme zu helfen.

Hier in Dresden haben wir im Moment auch Fälle von Gewalt und sexuellen Übergriffen, die von weiten Teilen der politischen Sphäre ignoriert werden. In mindestens einem Fall führte dies dazu, dass die Person, die von der Gewalt betroffen war, die Stadt verlassen musste, während der Typ in bestimmten politischen Kreisen unverändert akzeptiert wird. Es scheint, dass es für die meisten Menschen hier in Ordnung ist, sich so zu verhalten, solange mensch genügend Fähigkeiten hat, um die Bewegung zu unterstützen. Ein Schwäche der anarchistischen und linken Bewegung ist, dass das Wichtigste ist, dass eine Personen dabei ist, um als Bewegung größer zu werden und zu wachsen, Charakterzüge und Motivation für bestimmtes Handeln werden selten hinterfragt.

Die Haltung, nicht die Polizei zu rufen und an 100 Prozent ACAB festzuhalten, ohne wirkungsvolle eigene Konzepte zu entwickeln, lähmt uns im Angesicht von zwischenmenschlicher Gewalt und ernsthafter sozialer Probleme. Der Staat stellt Gefängnisse und Strafen zur Verfügung, und Anarchist*innen können keine vernünftige Alternative dazu bieten. Kein Wunder, dass Menschen, die Gewalt, sexuellen Übergriffen oder diskriminierendem Verhalten ausgesetzt sind, beschließen, umzuziehen oder die Bewegung verlassen und den Raum Leuten wie Sagynbaev überlassen.

Der Kult des coolen Revolutionärs existiert nicht nur in Russland, sondern überall, ohne zu hinterfragen, was eine revolutionäre Bewegung ist. Einige sind von von Gewalt und Waffen besessen, als ob es das Ziel und nicht ein Mittel wäre. Das Verständnis für revolutionäre Ziele und kritisches Denken wird zugunsten von Aktionen aufgegeben. Die revolutionäre Bewegung sollte nicht wegen der Rambo-Mentalität stark sein, sondern wegen ihrer Ideen und ihrer Gemeinschaft. Mangelnde Organisation innerhalb der anarchistischen Bewegung machen bestimmte Arten von übergriffigem Verhalten möglich. Es ist recht einfach, von einer kleinen Szene zur anderen zu wechseln, da diese oft schlecht vernetzt sind und in vielen Fällen bestehende Probleme miteinander haben.

Was die Drogen in der Penza Geschichte betrifft: Es ist nicht das erste Mal, dass die Cops durch Drogen Zugang zu einem besser organisierten Teil der Bewegung finden. Hier in Dresden hat die Polizei vor 10 Jahren wegen Drogenobservationen Ermittlungen gegen die antifaschistische Bewegung aufgenommen (und einige Teile davon ziemlich erfolgreich gelähmt). Und wir haben keine Ahnung, wie viele weitere Fälle auf die gleiche Weise begonnen wurden. Wägt das Risiko ab und entscheidet, was im aktuellen Moment eures politischen Aktivismus wichtig ist. Vielleicht ist kein Drogenkonsum ein kleiner Kompromiss, der die eigene Sicherheit und die Sicherheit der Menschen um euch herum etwas weniger angreifbar macht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Geschichte um den „Netzwerk“-Fall viele Probleme sichtbar machte, die in der Bewegung existieren:

Unser Versuch, uns besser darzustellen, als wir in Wirklichkeit sind.
Ein Mangel an organisierter Vorgehensweise gegenüber sexualisierter Gewalt innerhalb der Bewegung.

Dummer Macht- und Männlichkeitskult, der eher einer Schulhof-Mentalität entspricht, als Werten wie gegenseitige Hilfe, Respekt und Zusammenarbeit hervorbringt.

Es gibt keine einfachen Lösungen für komplexe Situationen. Menschen, die jetzt im Gefängnis sitzen, sind aus politischen Gründen dort, nicht wegen ihres sozialen Verhaltens. So oder so wollen wir nicht, dass Menschen inhaftiert und gefoltert werden. Wir sind gegen das Gefängnissystem, das Gewalt reproduziert. Knast bringt keine „besseren Menschen“ hervor. Aber wir wollen auch keine Vergewaltiger unterstützen, wenn wir nicht sehen, dass sie bereit sind, ihr Verhalten zu ändern. Die Menschen im Gefängnis werden nicht über das Patriarchat, moralische Fragen und anderer Menschen Grenzen nachdenken, wenn wir diese Themen nicht ansprechen. Wenn wir die Gesellschaft und den Ansatz der Bestrafung von unerwünschtem Verhalten ändern wollen, dann sollten wir den Menschen die Chance geben, ihr Verhalten zu reflektieren und sie weder als Held*innen darstellen noch sie der Folter überlassen. Wie auch immer unsere Unterstützung für die Täter*innen aussehen mag, wir sollten uns auch auf die Unterstützung der betroffenen Menschen konzentrieren, die mit dieser Gewalt konfrontiert sind.

1: In vielen Städten Russlands werden Drogen aufgrund von Repressionen nicht direkt an die Käufer*innen verkauft. Stattdessen schaffen die Verkäufer*innen geheime Orte in der Stadt und verkaufen dann die Drogen über das Internet. Die Käufer*innen erhalten anschließend die Koordinaten der Übergabe, wo sie die Drogen abholen können.

2: Diese Form des Entzugs der Solidarität erscheint uns recht merkwürdig.

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